08.08.2021

Trinkwasseraufbereitung und Versorgung. Ein Gespräch

Unser Helfer Jens-Olaf Knapp war unzählige Male im Einsatz, um Katastrophengebiete — überwiegend im Ausland — mit aufbereitetem Trinkwasser zu versorgen. Aktuell hilft das THW im Rahmen der Flutkatastrophe in Deutschland, indem es Rohwasser zu Trinkwasser aufbereitet und an Bedürftige verteilt. Ein Grund mehr, mit Jens-Olaf Knapp genauer hinzublicken, was es mit der Trinkwasseraufbereitung und -versorgung im THW allgemein auf sich hat. Das folgende Gespräch wurde vom Pressereferat der THW-Leitung geführt und für unsere Homepage übernommen.

Jesn-Olaf Knapp im Gespräch

Die Flutkatastrophe nach Tief Bernd brachte das THW in einen Großeinsatz, der voraussichtlich Monate andauern wird. Neben Retten, Pumpen, Räumen und zahlreichen weiteren Einsatzoptionen, ist es für die Helferinnen und Helfer der Katastrophenschutzorganisation des Bundes eine Aufgabe, die von Überflutungen betroffene Bevölkerung mit Trinkwasser zu versorgen.

Doch was passiert genau, wenn eine Trinkwasserversorgung mal ausfällt und das THW hier aushilft? Neben den aktuellen Entwicklungen lohnt sich ein Blick auf das, was ehrenamtliche THW-Kräfte der Fachgruppe Trinkwasser leisten. Denn sie sind im THW in solchen Situationen immer wieder gefragt. Deutschlandweit hat das THW Expertinnen und Experten stationiert, die in kürzester Zeit sauberes Trinkwasser von höchster Qualität bereitstellen können, darunter Jens-Olaf Knapp.

Jens-Olaf Knapp (53) ist selbständiger IT-Projektmanager und Organisationsberater. Im THW, seit 1989 aktiv, ist er Mitglied der Fachgruppe Trinkwasserversorgung (TW) im Ortsverband Göttingen und Teamleader der Schnell-Einsatz-Einheit Wasser Ausland (SEEWA ) Modul Mitte. Sein letzter großer THW-Einsatz war 2019 in Mosambik nach Zyklon „Idai“.

Herr Knapp, warum kann das THW helfen, wenn die Trinkwasserversorgung in einem Schadensgebiet beeinträchtigt oder zerstört ist? Die mobile und modular aufgebaute Technik des THW zur Trinkwasserversorgung kann im In- und Ausland flexibel und bedarfsorientiert eingesetzt werden. Die modernen Anlagen erfüllen hohe Standards und gesetzliche Vorgaben für die Trinkwasserqualität. Außerdem verfügt das THW über entsprechend ausgebildete Einsatzkräfte, um solche Einsätze auch über einen längeren Zeitraum durchzuhalten. Ein Team der Fachgruppe TW kann im Notfall innerhalb kürzester Zeit bis zu 20.000 Menschen mit Trinkwasser versorgen.

Wofür stehen denn die Fachgruppe Trinkwasserversorgung und die SEEWA? Die SEEWA (Schnell-Einsatz-Einheit Wasser Ausland) leistet im Auftrag der Bundesregierung Hilfe im Ausland unter den besonderen Bedingungen eines solchen weltweiten Einsatzes. Die Fachgruppe TW ist eine Teileinheit in der Inlandsstruktur des THW.

Seit wann gibt es im THW die Fachgruppe Trinkwasserversorgung, wie viele Anlagen hat sie und was kann sie im Detail leisten? Die Fachgruppe gab es schon lange vor meinem Einstieg in diesen Themenschwerpunkt 2007. Die aktuell verwendeten Trinkwasseraufbereitungsanlagen „TWAA UF 15“ wurden seit 2009 sukzessive beschafft. „UF“ steht für die verwendete Ultrafiltrationstechnik,“ 15“ für die Kapazität von bis zu 15 Trinkwasser pro Stunde. Neben der Wasseraufbereitung und dem dafür notwendigen Betrieb eines Labors zur Qualitätsüberwachung gehören Lagerung, Transport und Verteilung von Trinkwasser sowie Sicherungsarbeiten im Trinkwasserleitungsnetz zu den Fähigkeiten dieser Fachgruppe. Im THW sind diese Expertinnen und Experten überregional aufgestellt. Bundesweit gibt es 13 dieser Fachgruppen mit je einer Anlage.

Wie viel Personal und welche Ausstattung werden im THW für eine Trinkwasseraufbereitung benötigt bzw. eingesetzt? Eine Fachgruppe besteht aus bis zu 18 Einsatzkräften in unterschiedlichen Funktionen, die je nach Bedarf eingebunden werden. Im THW setzen sich ein Team und die Ausstattung der Fachgruppe TW in der Regel aus folgenden Bestandteilen zusammen: - 18 Helferinnen und Helfer, - 2 LKW mit Anhängern für den Transport ins Einsatzgebiet, - 1 Trinkwasseraufbereitungsanlage (TWAA), - 1 Trinkwasserlabor, - 1 Tankcontainer für Trinkwasser sowie - Ausstattung zur Wasserverteilung und zum Rohrleitungsbau, Pumpen und Schlauchmaterial, Stromerzeuger und Werkzeug. Aufbau, Inbetriebnahme und Rückbau einer Aufbereitungsanlage sind sehr arbeits- und personalintensiv. Im Betrieb kommt man dann gewöhnlich mit drei Personen pro Schicht aus, allerdings ist das lageabhängig. Die TWAA besteht unter anderem aus Filter-, Steuerungs- und Desinfektionsmodulen, Behältern für Roh- und Reinwasser sowie Reinigungs- und Verteilkomponenten.

Woher bezieht das THW denn das Wasser, das aufbereitet wird? Als Rohwasserquellen nutzen wir Brunnen, das Hydrantennetz oder Oberflächengewässer wie Flüsse und Seen. Salzwasser können wir mit dieser TWAA-Technologie jedoch nicht aufbereiten.

Wie lange dauert der Aufbau einer THW-Trinkwasseranlage und wie lange dauert es in der Regel bis das erste Trinkwasser fließt und abgegeben werden kann? Die Herausforderung besteht darin, einen geeigneten Standort zu finden, der sowohl logistisch als auch aufbereitungstechnisch und einsatztaktisch passt. Sobald ein solcher Platz gefunden wurde, dauert der komplette Aufbau – abhängig von den örtlichen Gegebenheiten – etwa vier Stunden. Wir arbeiten hier möglichst parallel, sodass zum Beispiel bereits Rohwasser gefördert und vorbehandelt wird, während die Filterstrecke und das Verteilsystem aufgebaut werden. Vor der Wasserabgabe stehen noch die Laboranalyse und die Freigabe durch das Gesundheitsamt. Aufgrund verschiedener mikrobiologischer Parameter kann dieser Prozess durchaus länger als 24 Stunden dauern.

Was passiert im Groben schrittweise, und dabei auch chemisch, bei der Trinkwasseraufbereitung? Aus der Erkundung ergibt sich die notwendige Vorbehandlung des Rohwassers, beispielsweise die Flockung von Schwebstoffen, die Bindung gelöster Stoffe oder die Justierung des pH-Wertes. Dann folgen die Vorfiltration zur Beseitigung grober Verunreinigungen und die Ultrafiltration, nach der das Wasser weitgehend frei von Trübung und Keimen ist. Im Rahmen der Reinwasserbehandlung werden durch UV-Bestrahlung auch die letzten Bakterien und Keime beseitigt und durch Chlorierung die Wiederverkeimung bei der Lagerung oder beim Transport des Wassers verhindert.

Wie viel Liter Wasser kann eine Fachgruppe Trinkwasserversorgung durchschnittlich aufbereiten? Eine TWAA „UF 15“ hat eine Kapazität von 15.000 Litern pro Stunde. Im Schichtbetrieb können somit in 20 Stunden etwa 300.000 Liter Trinkwasser aufbereitet werden. Die große Herausforderung ist allerdings die anschließende Verteilung. Wenn mehrere Anlagen an einer Einsatzstelle betrieben werden, kann die Kapazität entsprechend erhöht werden.

Und wie erfolgt dann die Trinkwasserversorgung und -verteilung nach der Aufbereitung? Das hängt von den jeweiligen Gegebenheiten ab. Möglich sind sowohl die direkte Verteilung an die Bevölkerung über „Zapfstellen“, aber auch die Befüllung von trinkwassergeeigneten Tankwagen oder das direkte Einspeisen in Gebäude oder das Trinkwassernetz.

Mit welchen Schwierigkeiten, Problemen und Herausforderungen haben sie im Rahmen der Trinkwasseraufbereitung und -versorgung gewöhnlich zu kämpfen? Es stellen sich zu Beginn des Einsatzes viele Fragen: wie viele Menschen müssen versorgt werden, gibt es besondere Abnehmer (z. B. Krankenhäuser), wie hoch ist der Wasserbedarf? Vor Ort geht es dann ins Detail: wo und in welchem Umfeld liegt die Rohwasserquelle, wie sind ihre Ergiebigkeit und die Wasserqualität? Dazu kommen logistische Aspekte: die Lage der Einsatzstelle, das Geländeprofil, die Zu- und Abfahrtmöglichkeiten für schwere Lkw. Eine Kernfrage lautet: wie kommt das aufbereitete Wasser zu den Abnehmern? Wie alle Einsatzkräfte müssen auch wir Gefahren der Einsatzstelle im Auge haben, kurzfristige Lageänderungen berücksichtigen und natürlich auch das Wetter beobachten. Erneuter Starkregen kann nicht nur die Einsatzstelle beeinträchtigen, sondern auch die Rohwasserqualität. Last but not least muss natürlich auch geklärt werden, wie lange wir den Einsatz durchhalten können und müssen und unter welchen Voraussetzungen er wieder beendet werden kann.

Wann kann man mit Blick auf Trinkwasseraufbereitung und -versorgung bei der aktuellen Flutkatastrophe von einem erfolgreichen Einsatz sprechen? Abhängig von den Fortschritten bei der Wiederherstellung der Infrastruktur wird die schnellstmögliche Rückkehr zu einer dauerhaften Trinkwasserversorgung angestrebt. Hier sind die örtlichen Versorgungsunternehmen gefordert, gleichzeitig kann das THW zum Beispiel mit der Fachgruppe Infrastruktur einen weiteren Beitrag leisten. Grundsätzlich trägt die Versorgung mit sauberem Trinkwasser dazu bei, den Ausbruch von Krankheiten und dadurch eine Verschlimmerung der Situation zu verhindern. Außerdem können wir den Menschen im betroffenen Gebiet damit eine große Sorge nehmen, so dass sie sich verstärkt um andere Aspekte bei der Krisenbewältigung kümmern können.

Erinnern Sie sich an Ihr persönlich schönstes Erlebnis im Einsatz bezüglich Trinkwasserversorgung? Im Inland wie im Ausland gilt: Trinkwasser ist unser wichtigstes Lebensmittel! Daher ist es immer wieder schön, bei Einsätzen und insbesondere bei solchen großflächigen Katastrophen die Dankbarkeit der Menschen vor Ort zu erleben, wenn wir sie mit sauberem Trinkwasser versorgen und damit einen konkreten Beitrag zur Verbesserung ihrer Situation leisten können.

 

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Das THW ist die ehrenamtliche Einsatzorganisation des Bundes. Das Engagement der bundesweit knapp 80.000 Ehrenamtlichen, davon die Hälfte Einsatzkräfte, ist die Grundlage für die Arbeit des THW im Bevölkerungsschutz. Mit seinem Fachwissen und den vielfältigen Erfahrungen ist das THW gefragter Unterstützer für Feuerwehr, Polizei, Hilfsorganisationen und andere. Das THW wird zudem im Auftrag der Bundesregierung weltweit eingesetzt. Dazu gehören unter anderem technische und logistische Hilfeleistungen im Rahmen des Katastrophenschutzverfahrens der Europäischen Union sowie im Auftrag von UN-Organisationen.

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  • Jesn-Olaf Knapp im Gespräch

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